Untersuchung: Mindestens 18 Tote bei Fluchtversuchen von DDR-Bürgern im Sommer und Herbst 1989 über Ostblock-Staaten



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11.08.2019 16:03

Untersuchung: Mindestens 18 Tote bei Fluchtversuchen von DDR-Bürgern im Sommer und Herbst 1989 über Ostblock-Staaten

Im Sommer und Herbst 1989 – wenige Wochen und Monate vor dem Fall der Mauer – kamen nach Recherchen des Forschungsverbundes SED-Staat mindestens 18 DDR-Bürger bei Fluchtversuchen über die Grenzen von Staaten des ehemaligen Ostblocks ums Leben. Wie die bisherigen Recherchen des Forschungsteams der Freien Universität Berlin in diversen Archiven ergaben, starben bei den tragischen Vorfällen 14 Männer, drei Frauen und ein Kind.

Mehrere tausend DDR-Flüchtlinge versuchten im Sommer 1989, die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze zu umgehen und über die Grenzen der sogenannten „sozialistischen Bruderstaaten“, insbesondere über Ungarn, aber auch über Bulgarien, Rumänien, Jugoslawien und Polen aus der DDR in den Westen zu gelangen. Bis Anfang Oktober 1989 gelang dies mehr als 50.000 DDR-Bürgerinnen und -Bürgern. Allerdings endeten in dieser Zeit auch zahlreiche Fluchtversuche mit Festnahmen an der DDR-Grenze zur Tschechoslowakei (ČSSR), mindestens 18 DDR-Flüchtlinge starben 1989 bei Fluchtversuchen.

Am 13. August 1989 – an diesem Dienstag vor 30 Jahren – stand die Berliner Mauer seit 28 Jahren. Zwei Tage nach diesem Datum, am 15. August 1989, versuchte ein 28-jähriger Arbeiter mit einem LKW an der Grenzübergangsstelle Stolpe im heutigen Brandenburg nach West-Berlin durchzubrechen. Das Fahrzeug kam an einem Sperrelement 700 Meter vor der Grenze zum Stehen, der Flüchtling wurde aus dem Fahrzeug geschleudert und verletzt festgenommen. Andere Fluchtversuche endeten tödlich:
• Der 21-jähriger Berliner Ralf Peter Saurien und ein 11-jähriger Berliner Junge verunglückten im April und Mai 1989 bei Versuchen, die Grenze zur Tschechoslowakei (ČSSR) mit Autos zu durchbrechen, tödlich.
• Der 19-jährige Michael Weber aus Leipzig wurde im Juli 1989 an der bulgarisch-griechischen Grenze erschossen.
• Ein Offiziersschüler der Nationalen Volksarmee – der Armee der DDR –, der wegen einer geplanten Fahnenflucht über die ČSSR-Grenze inhaftiert war, erhängte sich im Juli 1989 in einer Arrestzelle in Löbau (Sachsen).
• Der 36-jährige Kurt-Werner Schulz aus Weimar wurde bei einem Handgemenge mit einem ungarischen Grenzposten im August 1989 erschossen, als er sich bereits auf österreichischem Gebiet befand.
• Zwölf Männer und zwei Frauen ertranken im September und Oktober 1989 bei Fluchtversuchen in Grenzflüssen von Ostblockstaaten.
• Eine 22-jährige DDR-Bürgerin, die in die Warschauer Botschaft der Bundesrepublik Deutschland flüchten wollte, sprang am 12. Oktober 1989 bei Trzciniec aus einem Zug der Deutschen Reichsbahn, der auf der Strecke von Zittau nach Görlitz polnisches Gebiet durchfährt; sie verunglückte tödlich.

Der Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin untersucht im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungskonsortiums gemeinsam mit den Universitäten Greifswald und Potsdam Todesfälle von DDR-Bürgern bei Fluchtversuchen über Ostblockstaaten und über die Ostsee sowie die Rechtsbeugung des DDR-Justizministeriums gegen Ausreisewillige. Im Rahmen des Teilprojekts des Forschungsverbundes SED-Staat befassen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dabei mit den Todesfällen von DDR-Bürgern an den Grenzen der osteuropäischen Anrainerstaaten des Eisernen Vorhangs. Das Forschungsteam an der Universität Greifswald recherchiert die Todesfälle von DDR-Bürgern bei Fluchtversuchen über die Ostsee, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Universität Potsdam untersuchen die Funktion des DDR-Justizministeriums im SED-Staat bei Rechtsbeugungen insbesondere gegen Ausreisewillige und festgenommene Flüchtlinge. Kooperationspartner in Polen, Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, dem ehemaligen Jugoslawien, Albanien, Griechenland und Österreich recherchieren die dortigen Überlieferungen zu Todesfällen von DDR-Bürgern.

Das von der sowjetischen Besatzungsmacht errichtete und von der DDR weiterentwickelte Grenzregime an der Grenze zur Bundesrepublik und in Berlin hinderte Millionen Menschen nicht daran, die Flucht über die innerdeutsche Grenze und über die Westgrenzen der sozialistischen Staaten Osteuropas zu wagen. Schon vor dem Mauerbau endeten Grenzüberquerungen in Berlin und an der innerdeutschen Grenze in zahlreichen Fällen tödlich, zum Teil mit schwersten Verletzungen und im Falle von Festnahmen vielfach mit langjährigen Haftstrafen. Die Zahl der in Berlin (179) und der innerdeutschen Grenze (327) ums Leben gekommenen Grenzgängern, Flüchtlingen und Grenzsoldaten ist durch drei Untersuchungen erschlossen und in Biografischen Handbüchern dokumentiert. Vergleichbare wissenschaftliche Untersuchungen zu den bei Fluchtversuchen über die Ostsee oder an den Grenzen der anderen Ostblockstaaten ums Leben gekommenen DDR-Bürger liegen bislang nicht vor. Diese Lücke soll durch das Verbundprojekt geschlossen werden. Auch zur DDR-Willkürjustiz gegen Ausreisewillige und festgenommene Flüchtlinge gibt es noch keine wissenschaftliche Studie. Unerforscht ist insbesondere die Funktion des DDR-Justizministeriums und seiner nachgeordneten juristischen Institutionen. Eine unbekannte Zahl von DDR-Bürgerinnen und DDR-Bürgern wurde wegen der Vorbereitung oder Ausführung von Fluchtversuchen auf der Grundlage von Vorgaben aus der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und dem DDR-Justizministerium zu Haftstrafen verurteilt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des gemeinsamen Forschungsvorhabens der Freien Universität Berlin, der Universität Greifswald und der Universität Potsdam wenden sich mit ihrem Verbundprojekt bis 2022 den Schicksalen von Menschen zu, die den gefährlichen Weg aus der SED-Diktatur in die Freiheit wagten und dafür ihr Leben oder langjährige Haftstrafen riskierten.
Die Ergebnisse der drei Teilprojekte sollen jeweils als Buch veröffentlicht werden. Das Center für Digitale Systeme (CeDiS) in der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin wird Zeitzeugeninterviews und Forschungsergebnisse der drei Teilprojekte auf einer Webseite im Internet für die politische Bildung zur Aufklärungsarbeit über das geteilte Deutschland und die SED-Diktatur zugänglich machen. Mit mehreren Grenzlandmuseen ist dazu bereits eine Zusammenarbeit vereinbart. Das Forschungsteam der Universität Greifswald wird von Prof. Dr. Hubertus Buchstein geleitet, die Forschungsgruppe an der Universität Potsdam von Prof. Dr. Manfred Görtemaker, das Teilprojekt an der Freien Universität von Prof. Dr. Klaus Schroeder und Dr. Jochen Staadt.

Zur Internetseite des Forschungskonsortiums
https://www.eiserner-vorhang.de/

Weitere Informationen und Interview-Wünsche
Dr. Jochen Staadt, Forschungsverbund SED-Staat, Telefon: 030 / 838-55562, E-Mail: j.staadt@fu-berlin.de

Pressemitteilung aus dem Jahr 2017 zu Ergebnissen der Studie über Opfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze
www.fu-berlin.de/presse/informationen/fup/2017/fup_17_155-studie-opfer-des-ddr-grenzregimes/index.html


Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, jedermann
Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Politik, Recht
überregional
Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
Deutsch


Quelle: IDW

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